Archiv des Autors: Lisa Tralci

Zurückgeschaut 10
GEWESEN: Im Lärchenwunderwald in der Nähe von Lü. Zwei Leertage genutzt, um eine ins Auge gefasste Panoramawanderung zu unternehmen. Der Plan ging auf – Wetter passte, ein Zimmer frei und die Wanderung vom Ofenpass aus Seelennahrung pur.
Die lange An- und Zurückreise wurden längst wettgemacht durch die traumhafte Landschaft (ich konnte sehr leider kein Bild machen vom ersten Bodenfrost auf Buffalora, wo die jungen Föhren wie Christbäume auf einem weiss-glitzernden Feld standen, was den Postautochauffeur dazu brachte, rasch den Fahrersitz zu verlassen und ein Bild zu machen…). Arven, Lärchengold, der schneebedeckte Ortler, immer wieder Blicke ins Münstertal oder zurück zum Piz Daint oder Richtung Ofenpass – UND: ich war (fast) alleine. Wär es mir doch ein Gräuel, eine Gruppenwanderung zu machen… das Geschnatter kann mich mal. Es war schon mühsam genug, den Herrn, der mich im Postauto konstant „besprach“, auszuhalten. Manche merkens einfach nicht…
GEHÖRT: Viele Podcasts, gerne jene von Radio München, Übers Meer (der Podcast der mare-Macher*innen), BREITENGRAD, weltwach, Apropos, SWR 2 Wissen, Sternstunde Philosophie, SRF Perspektiven, Zwischenhalt, Kontext, Literaturfenster Schweiz, 100 Sekunden Wissen, bevegt-Podcast uvm. Ein Universum auf das ich ähnlich ungern verzichten würde wie auf den häufigen Besuch „meiner“ beiden Bibliotheken.
GEÄRGERT: Das verlogene Getue um die Wolfsrisse. Das einem der Verlust der Tiere weh tut, verstehe ich gut. Das schlimmste Raubtier ist jedoch der Mensch: in der Schweiz werden pro Jahr über 50 Mio. Tiere getötet, um sie zu essen. Vorsätzlich und kaltblütig! Da sprechen dann die Wolfsjäger nicht über Grausamkeit. Was anderes ist es, wenn bereits bei der Geburt eines Tieres feststeht, dass es gemästet wird, um von Menschen ermordet und gegessen zu werden?
GEFREUT: Die Weltlage macht es einem ja nicht einfach. Ganze Litaneien wären aufzuzählen, alle dazu angetan, Freude und Ausgeglichenheit mit ihrem Gift zu zersetzen. Weil es vermutlich niemandem hilft, wenn einem die Bitterkeit zersetzt, ist diese Rubrik von besonderer Wichtigkeit. Titelgewinner ist hier mit grossem Vorsprung der Garten. Was war das für ein Jahr! Dass hier auf 1000 MüM Tomaten und Chili bis jetzt (1.Nov) noch ausreifen, dass es kistenweise blaue Muscat gibt, Beeren in Hülle und Fülle, dass ich (die Apfelliebhaberin) während etwa 70 Tagen einen eigenen Topaz essen kann und und und. Da spüre ich grosse Dankbarkeit. Eine eigene Liga sind nahe Beziehungen – Kontakte die nicht unter der unsäglichen C-Diskussion gelitten haben, Sein in der Natur, die reflektierende Innenschau, Bücher, Musik, frei gewähltes Engagement. Und Zeit.
Da regt sich mehr als Dankbarkeit, nicht mehr im pflegerisch-sozialen Umfeld tätig sein zu müssen. Wie die Schieflage im Gesundheitswesen zu korrigieren wäre, weiss wohl niemand, bzw. es gibt Kräfte, die das um ihrer Geldbörse willen auf keinen Fall möchten. Wers vermag, liegt privat, alle anderen können nur hoffen, dass sie durchsetzungskräftige Angehörige haben. Arg. Sehr arg.
GEGESSEN: Tomaten in allen möglichen Variationen, gefüllt mit Kräutern, Käse und etwas Paniermehl mundeten sie besonders. Kürbissuppe mit Schwarzkohl nach diesem Rezept: https://splendido-magazin.de/index/gerichte/suppen/kuerbissalbei, Cavolo nero gibt es im Hügelgarten und Kürbisse kommen vom Biohof Schuepfenried.
GETRUNKEN: Aroniasaft der Stiftung Tosam, dank Bruders Einsatz 😉
Buchen-Streckfuss oder es geht weiter

Was für eine auffällige, nie gesehene Raupe sich da behende auf der Schmutzmatte vor der Gartentüre bewegte… Recherchen ergaben, dass es sich um einen Nachtfalter handelt. Mehr erfahren Interessierte hier. Sein Vorkommen wird verständlich, wenn frau liest, dass sein Habitat die Hainbuche ist, hier sozusagen der Hausbaum. Einzelne Bilder über sein Falterstadium passen in einen Gruselfilm, wobei Behaarung und der eulenhafte Ausdruck beeindruckend sind.
Nun, er – der Falter – hat (auch) dazu geführt, dass ich nach langer Absenz wieder mal hier schreibe. Ein persönlicher Verlust und die Schieflage rundherum waren Anlass, zu schweigen. Was ist zu sagen, wenn der Irrsinn seine hässlichste Fratze zeigt, wenn Dinge geschehen, die frau nie für möglich gehalten hätte und wenn es im Gebälk des Lebens bedrohlich knirscht und ächzt? Wenn konstatiert werden muss, dass das, wovor bereits vor über 40 Jahren gewarnt wurde, eingetreten ist, nachdem die warnenden Stimmen nicht gehört, nicht ernst genommen, nein sogar verhöhnt und belächelt wurden? Wenn Ungeheuer Kriege anzetteln, Tod und Leid verursachen und mehr als den Kontinent Europa involvieren?
Eben. Nichts.
Weil weiterleben Kraft braucht. Und eine Ritze, durch die Licht in den Raum der Dunkelheit fällt. Und etwas, dass die Ritze offen hält und für Licht sorgt. Nein, ich kann nicht sagen, was hilft. Zeit? Die Einsicht, dass andernorts weder Ritzen noch Licht sind und Menschen doch trotzen und bleiben? Soviel ist sicher: Widerstand all den Widrigkeiten gegenüber verlangt nach Lebensenergie. Und die ist nicht am Stück im Laden zu bekommen. Aber sie ist zwingend notwendig. Früher hüteten sie das Feuer, heute ist die Lebensfreude bedroht. Ich will meine hüten. Im Garten zum Beispiel, beim Betrachten einer Raupe…
Wir werden unsere Kraft brauchen. Und sie fällt in sich zusammen, wenn die grauen Mächte Ängste schüren und aus Individuen eine formbare Masse machen. Alles schon erlebt …

Ohne Worte

Zurückgeschaut 9
GESEHEN: Zwei Filme über Armut in Europa. „Arm in Mallorca“ berichtet über die Auswirkungen des ausbleibenden Tourismus auf der Insel Mallorca. Die Insel war über Jahre ein sehr beliebtes Ferienziel, die meisten Einheimischen hingen am Tropf Tourismus und der Staatsapparat hat gewiss bestens mitverdient. Dass eben dieser Staat nicht in der Lage ist, seiner Bevölkerung über einen gewissen Zeitraum ein Minimum an Sicherheit, sprich ein Dach über dem Kopf, Essen und Gesundheitsvorsorge zu organisieren, stimmt bedenklich. Die Behörden schliessen ihre Büros und sind fast gar nicht mehr erreichbar. Realitäten im Jahre 2021. Neben dem Versagen der Regierung auch eine bittere Quittung für eine Form von Tourismus, die weder fair noch nachhaltig ist.
Der Dok-Film „Abschied von der Mittelschicht“ zeigt u.a. den Zusammenhang zwischen Verarmung, prekären Arbeitsverhältnissen (auf deutsch Ausbeutung) und dem zunehmenden Rechtspopulismus. Wo bleiben da u.a. die gut bezahlten Gewerkschafter*innen? Die Sozialpolitiker?
Positiver sind die Bilder im Film „Fair Traders“. Faire Arbeitsbedingungen und biologische Herstellung mit dem Kostendruck der freien Marktwirtschaft zu vereinbaren ist für die drei ein ständiger Balanceakt – doch die drei Hauptdarsteller beweisen, dass es wirtschaftlich möglich ist, sozial, ökologisch und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich zu produzieren. Ein kleiner Lichtblick in der Ödnis der aktuellen Weltlage…Ô
GESTRICKT: endlich den Mohairpulli zum Abschluss gebracht. Na ja.
GESTORBEN: Unter vielen anderen zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten: Der Zenmeister Tich nhat Hanh und Endo Anaconda von Stiller Has.
GEÄRGERT: Gemäss BAG gab es im Jahre 2021 jährlich (!) 9500 Todesfälle durch Tabakkonsum. Wie können da so genannte Volksvertreter*innen gegen das Verbot von Tabakwerbung weibeln? Schaut man sich den „Corona-Effort“ an, fragt sich frau, ob das BAG da nicht ganz anders agieren müsste. Warum wohl nicht? Es bedarf keiner vertiefenden Studie, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Und ja, liebe Gegner*innen: es wäre folgerichtig und gut, auch auf Servelatwerbung zu verzichten.
Am Kopf GEKRATZT: Kürzlich in einem Blog gelesen: es sei jetzt üblich, sich bei einem geplanten Treffen mit Freund*innen vorgängig ein Bild des eben gemachten Corona-Selbsttestes zu senden. Hä?
GEREIST: Nochmals mit dem Zug nach Rom. Eine Reise mit dem jüngsten Enkel. Herznahrung pur.
Dabei oft GESCHMUNZELT: zum Beispiel, als ich die Mütze auszog und er meinte, ich sähe jetzt „verstrudelt“ aus 🙂
GESUCHT: Informationen unterschiedlichster Art über Sizilien. Erfreulich (vorerst nur lesend) die Tatsache, dass sich immer mehr Bauern abseits der gängigen Absatzkanäle organisieren. Darüber wird noch zu berichten sein.

Zurückgeschaut 8
GEWESEN: In der Hauptstadt, einmal mehr. Beziehungsweise nah dran, nämlich hier.
GESCHENKT: Eigentlich am liebsten Bücher, zum Beispiel für den grossen Mann „Apeirogon“, für einen der kleineren jenes über die Expedition Polarstern. Drauf gekommen bin ich beim Hören eines spannendes Podcasts mit der Mitteilnehmerin der Expedition und Autorin des Buches, Katharina Weiss-Tuider. Ein Jugendbuch, das auch ich lesen werde.
GEÄRGERT: Über einen mehr als unfreundlichen DHL-Chauffeur, der das Paket mit dem schönen Leinen im Dorf in einer Bäckerei abgeben wollte, ich könne es ja dort holen, was so etwa 4-5 km weit weg wäre. Nachdem ich diesen Vorschlag ablehnte, musste ich ihn telefonisch lotsen, er unter Fluchen, ich ruhig bleibend. Irgendwann meinte er, jetzt gehe ihm bzw. dem Fahrzeug der Diesel aus, was definitiv er versäumt hat. Irgendwann drückte er das Paket einer Nachbarin in die Hand, verschwand ohne Gruss und ohne Dank. Ja, ich hab mich beschwert. Nützen wird es kaum.
Und über den Fehler im Mohair-Pulli-Ärmel. Uff, versuch mal, Mohair aufzutrennen, dazu noch mit Ab- oder Zunahmen dazwischen. Zurück auf Feld eins.
GEKAUFT: Eben den schönen Bio-Leinen, fadengefärbt. Es musste noch eine zweite Japanschürze her, anderes Modell, Schnittmuster selbst gemacht.
GEMERKT: Verstehen geht bei mir über die konkrete Anwendung. Ich weiss nicht, ob die Anleitungen gelegentlich von Robotern geschrieben werden, für mich bleiben sie sehr oft abstrakt, nicht nachvollziehbar. Überlegen, ausprobieren, machen klappt besser.
GEBACKEN: Kürbisbrötchen aus diesem Buch. Optisch schön, geschmacklich erinnern sie an Zopfgebäcke.
GERÄUMT: Die Unterlagen aller Kursangebote. Eine Begegnung mit einer vergangenen (guten) Zeit. Ich fand Namen und Notizen, zu denen ich nichts abrufen konnte. Und umgekehrt. Befreiend und emotional aufwühlend. Ein Stück Leben. Die vielen Arbeitsbücher erleichtern vielleicht der einen oder dem anderen den Schreiballtag.
GETRÄUMT: Wirklich: ich träumte, C sei endgültig vorbei. Im Traum lebte ich irgendwo in einem Blockhaus, betrieb mit anderen Frauen ein Café und hatte einen Uraltcomputer der ersten Generation, auf dem die Menschen ihre abschliessenden Testresultate erfragten. Hoffentlich ein wegweisender Traum…
GEHÖRT: EInen interessanten Vortrag über Psychoneuroimmunologie mit Prof. Dr. Dr. Christian Schubert. Schubert zeigt z.b. den Einfluss von Angst, Traumata, sozialen Einflüssen etc. auf unser Immunsystem. In seinem neuen Buch plädiert er für eine neue, andere Medizin. Menschlich, engagiert und mutig.
GEGESSEN: vom selbstgetriebenen Chicoree… und er wächst und wächst.

Zurückgeschaut 7
Ein weiteres Jahr ist in wenigen Stunden Vergangenheit. Zeit also, nochmals kurz zurückzublicken und allen Leser*innen einen guten Übergang, Lebensfreude, Mut und Klarheit zu wünschen. Möge uns allen das neue Jahr wohlgesonnen sein…
GEHÖRT: Verschiedenste Podcasts – eine geniale Erfindung – ich mag diese Infogefässe sehr, meist begleiten sie kreativ-handwerkliches Tun oder die eine oder andere weniger geliebte Haustätigkeit. Vom Inhalt her hat mich ein youtube-Vortrag beeindruckt: Prof. Dr. Joachim Bauer spricht über das von ihm erforschte Empathie-Gen. Zentrale Punkte sind die in uns angelegte Güte und Menschlichkeit – so sie denn „aufleben“ dürfen. In seinen Studien und im eben erschienenen Buch legt Prof. Bauer dar, dass der Mensch kein von Gier und Egoismus getriebenes Wesen ist – vorausgesetzt ist die Grund“nährung“ des Menschleins… absolut hörenswert!
Die Musik diesmal von Enzo Avitabile, Soul- und Weltmusiker aus Neapel, singt meistens im neapolitanischen Dialekt, oft mit anderen Musikern zusammen. Gefällt. Sehr. Seine Texte sind sozialkritisch, betreffen nicht nur „Napule“ und sind verpackt in gute Musik.
GEFREUT: Oft. Beispiele gefällig? Zwei Einladungen vor den Festtagen, an denen das ungute omnipräsente Thema während eines ganzen Abends inexistent war und auch kein Impfstatus-Diskurs stattfand. Ähnlich die Weihnachtsfeier im Familienkontext, friedlich und unkompliziert. Weiter freut(e) mich ein Freiwilligeneinsatz auf Augenhöhe, die (leider vergangene) vorweihnachtliche Schneestimmung u.v.m.
GENÄHT: eine japanische Kreuzschürze aus dunkelgrauem Bio-Leinen. Viel Flow, viel gelernt, ich Nähanfängerin. Küchentischpsychologisch: Handarbeitstrauma aus der Schulzeit aufarbeiten und verorten. Tztztz: die Lehrerin liess uns 13-Jährige Babyjäckchen stricken oder einen Pfulmen mit handgemachten sprich schwarzgeschwitzten Knopflöchern sticheln. Wie bin ich froh, dass meine Enkel einen Hoodie in Wunschfarbe oder eine Laptophülle machen können.
GELESEN: Kwame Anthony Appiah, Philosophie-Professor an der New York University, analysiert am Beispiel von Ghana, Nigeria und Namibia:
“Die andere Seite des Virus”.
GENOMMEN: B12, neben den anderen Vitaminen und gestaunt, was sich da ganz neu anfühlen kann…
GETRÄUMT: Von Efeu. Die positiven Zuschreibungen auf einschlägigen Seiten sind ja nett (Zuneigung, Unsterblichkeit, Wiedergeburt…) doch für mich war die Sehklarheit beeindruckender. Ok. – einer wächst mir ja fast ins Haus…und taggeträumt von einer Reise im Frühjahr…
GESEHEN: Etwa zehn verschiedene Vögel an den diversen Futterstellen. Einmal drei Buntspechte miteinander, dann einen schwarzen alleine. Der ornithologische bewanderte Mitmensch hat neben den Sämereien und Nüssen sogar Mehlwürmer besorgt. Die Zaunkönigin soll sie mögen. Vom Eichelhäher hätte ich gerne eine blaue Feder. Vögel beobachten ist Herznahrung.
Cinema ist im Moment fast ausschliesslich Homekino, sprich Beamer und Molton. Wir sahen von Gianni Amelio „l’intrepido“ – eine Art italienisches Märchen.
GEGESSEN: u.a. Agrumen von hier, Timilia-Spaghetti von hier
GEBACKEN: den ersten Panettone. Optisch und geschmacklich top. Bei der Fluffligkeit besteht noch Luft nach oben.
GEBLÄTTERT: in den neuen Samenkatalogen von Zollinger und sativa.
GEÄRGERT: Wenn ein unter dem Label „nachhaltig“ geführter Shop völlig selbstverständlich/unkritisch Thermoskannen aus China anbietet. Echt jetzt. Wie sagte doch der scheidende Dählhölzli-Leiter Bernd Schildger (er versteckt sich hinter dem Beitragsbild) kürzlich in einem Interview: „nachhaltig“ ist ein Plastikwort.

Zurückgeschaut 6
GEFREUT: Über das Licht an den schönen Herbsttagen; über jeden Tag an dem der Nebel nicht bis zu uns wabbert; über den gleichen Nebel, wenn er wattebauschig in Tälern und Mulden hängt und über das Lärchengold unter dem Blauhimmel.
GEWESEN: In der ewigen Stadt. Es sei dem Maler Klee gleich getan: das Licht ist anders, lässt Ocker, Terracotta, Sand, Maisgelb oder Siena strahlen. Der Ausblick über die Stadt vom Monte Gianciolo aus ist einmalig, zuvor der Spaziergang durch Trastevere, Besuch der Kirche Santa Maria di Trastevere. Hauptmotiv für die Besuche der diversen Marienkirchen ist die Bewunderung und Freude an den Mosaiken. Santa Prassede war vor gut 25 Jahren schon mal Ziel, der Besuch dort diente vorallem der Überprüfung meiner Erinnerung. Und tatsächlich kann frau mit einem Euro den Sternenhimmel und die Mosaikarbeiten illuminieren. Herrlich!
Das MAXXI zeigt bis im Februar 22 „Amazônia” von Sebastião Salgado. Seine grossformatigen SW-Bilder aus dem Amazonas-Gebiet zeigen Flüsse, Regenwald und Wetterphänomene. Die Bilder hängen grösstenteils in den Räumen, dazu ist Musik von Jean-Michel Jarre zu hören. Die Bilder/der transportierte Bildinhalt zusammen mit dieser Musik in den dunklen Räumen trägt die Schauenden (mich zumindest) irgendwo zwischen diese Bäume, Pflanzen und das Fliesswasser. Integriert sind Infopavillons in denen Salgado und seine Frau verschiedene Gruppen von Ureinwohner*innen Amazoniens vorstellen. Vertreter*innen dieser Gruppen wenden sich in Kurzfilmen an die Welt um aufzuzeigen, was Bolsonaro durch sein rücksichtsloses Vorgehen anrichtet. An den Wänden sind Porträts und Szenen aus dem Alltagsleben zu sehen, nah und unmittelbar, berührend. Manchmal so nah, dass der Blick der Menschen direkt ins Herz geht…
GEFAHREN: Mit dem Hochgeschwindigkeitszug „Frecciarossa“. In gut drei Stunden von Mailand nach Rom, keine Flugscham, pünktlich, sauber, guter Service. Klingt grad wie ein Werbespruch. Wer öfters in der Schweiz im Zug unterwegs ist, hat mitbekommen, dass hier Pannen zu- und Sauberkeit abgenommen haben. Durch häufige Verspätungen mit gleichzeitig knapper Umsteigezeit werden Reisen immer mal wieder zu langfädigen Ausharrübungen. Wobei der öV in Italien auf den Paradestrecken top ist, die Anbindung kleinerer Orte jedoch weist gravierende Mängel auf. Da wird Rollmaterial aus den Fünfzigerjahren (schätze ich jetzt mal) eingesetzt, Menschen mit einer Beeinträchtigung schaffen es kaum, die hohen Tritte beim Einstieg zu erklimmen. Etwa gleich ärgerlich bzw. unmöglich kann es für Ältere oder gar Menschen im Rollstuhl werden, sollten sie auf die verwegene Idee kommen, die Metro in Rom benutzen zu wollen.
GEDACHT: Städte wie Rom machen so viele Menschheitsprobleme sichtbar. Entwurzelung, Migration, Armut und Elend, Billigstramschangebote aus China*, Abfallberge, mehr als zweifelhafte Nahrungsangebote, sprich Fastfood der untersten Kategorie usw..
*Ganz bewusst besuchte ich ein grosses Kaufhaus (es soll dem ehemaligen Politiker Berl. gehören…). Ich fand weder bei den Kleidern noch beim Geschirr irgendein Produkt, das nicht aus China kommt.
GEHÖRT: Von dekadenten Hotelbesuchern in einem Römer Luxushotel (der Bezug ergibt sich, weil eine Bekannte dort arbeitet). Beispiel gefällig? Anruf nachts um zwei beim Service: „Ich möchte jetzt ein gebratenes Gitzi, bezahle 5000 Euro“. Zum Glück bliebs beim Wunsch. Auch mit Geld kann Mann nicht immer alles bekommen.
GEGESSEN: Hauptsächlich Gemüse und nochmals Gemüse, Leguminosen und Früchte. Zum Beispiel im Aromaticus an der Via Urbana in Trastevere. Vegetarisch-vegan vom Feinsten. Wow, was für Düfte dem Bambuskörbchen entwichen… und dazu der Sencha im wunderschönen Krug und eine Menge Bücher. Glückskind du.
GELESEN: Der Salzpfad von Raynor Winn. Zum Inhalt kannst du hier nachlesen.
Weiter zur Masslosigkeit der Massentierhaltung ein Interview mit dem Soziologen Mike Davis der vor 15 Jahren sagte, dass wir wegen der Massentierhaltung ein globales Zeitalter der Pandemien beschreiten werden. Quelle: brennstoff Nr. 60 S. 14 und in der Republik hier. Schwerste Kost!

Irrgang
Einer meiner Lieblingsorte ist die Bibliothek Hauptpost im Osten des Landes. Neben anderen natürlich. Seit meinem letzten Besuch frage ich mich, wohin uns diese bizarre Zeit noch katapultieren will. Natürlich ist es nicht die Zeit, es sind Menschen, die Vorgaben umzusetzen haben. Nein, es folgt kein Statement zu Sinn oder Nichtsinn.
Fakt: Vor dem Eingang zur Bibliothek steht ein Mann, seine Uniform weist ihn als Angehörigen irgend eines Sicherheitsdienstes aus. Ich zeige das geforderte Zertifikat samt Personalausweis. Zu diesem Zeitpunkt trage ich eine Maske. Harsch weist mich der Eingangswächter an, meine Maske hinunter zu ziehen, offensichtlich will er das ID-Bild und mein Gesicht vergleichen (es liegen Jaaahre dazwischen, das sei mal gesagt…). Ich bin konsterniert und frage ihn, ob er da nicht etwas übertreibe. Das wolle der Chef, sagt er und ich: “ dann muss ich mal mit ihrem Chef sprechen“!. Dann stolpere ich in die Bibliothek, die wirkliche Stöberlust ist mir definitiv abhanden gekommen. Der Vorfall lässt mich nicht los, ich überlege, welchen Chef er wohl gemeint haben könnte. Den Bibliothekschef? Das wäre bitter. Oder vielleicht Herrn B. aus Bern? Oder einen kommunikativen Vertreter des BAG?
Mal Klartext: es ist grundsätzlich mehr als absurd, dass diese 3 G-Regelung für eine Bibliothek in dieser Grössenordnung angewendet werden muss. Es bewegen sich wenige Menschen gleichzeitig zwischen den Bücherregalen und man „juckt“ ja schon zur Seite, wenn ein Mensch naht. Ja, ich weiss, Bern will es so. Nur wieso dürfen vier Leute in einem Zugsabteil von St. Gallen nach Bern sitzen, essen, husten, atmen? Vier Leute notabene, die sich nicht kennen? Die kein 3-G-Zertifikat haben?
Ich komme vom Thema ab.
3-G-Test am Eingang zu einem Ort, wo Bildung und Kultur und Wissen zu haben sind. Ok., muss scheinbar sein. Aber: als Höhepunkt eine Gesichtsprüfung durch eine uniformierte Person. Ich fasse es noch heute kaum. Wo sind wir? Da läuft etwas mächtig falsch!

Zu kurz gedacht?
Es war mehr am Rande der immer noch aktuellen Ereignisse zu hören: die Institutionen für ältere Menschen, also die Alters- und Pflegeheime hätten zur Zeit viele freie Betten. In einer Radiosendung äusserte ein Vertreter eines Heimverbandes die Vermutung, dass die Menschen zur Zeit nicht in ein Heim eintreten möchten, weil sie Angst hätten, sich mit dem C-Virus anzustecken.
Es mag sein, dass den Einen oder die Andere eine solche Angst plagt. Ich vermute aber, dass die Menschen – potentielle Heimbewohner*innen und Angehörige – ganz andere Gründe haben, einen Eintritt möglichst weit hinauszuschieben. Denn während den langen Monaten, in denen Heimbewohner*innen separiert, isoliert und bevormundet wurden, hat sich auf eine ganz unschöne Weise gezeigt, wie unwohnlich viele so genannte Heime sind. Gab es bereits vor C eine Diskrepanz zwischen den tollen Internetauftritten und der Realität im Heimalltag, entblösste die Art und Weise des Umgangs während des Lockdowns, wieviel Freiheit erwachsenen, zahlenden Bewohner*innen blieb. Nämlich sehr oft keine. Mein Berufsweg und meine Rolle als Angehörige haben mir ermöglicht, in die Eingeweide einiger Institutionen zu schauen. Es liegt mir fern, einen Rundumschlag zu inzensieren, doch Illusionen mach ich mir (und anderen) gar keine. Ich habe im Umfeld mehrfach miterleben können/müssen, wie rasch sich der Zustand von Menschen nach einem Eintritt in eine Institution zum Unguten verändert hat.
Dreimal täglich essen (nein, wir reden jetzt nicht über viel zu viel Weissmehl, Zucker und Fleisch) und sauber in sauberen Kleidern zu sein ist nicht alles. Gar nicht. Menschen die in einem Heim leben (müssen), brauchen Ansprache, Zuwendung, Körperkontakt, Begegnungen. Wegen *C * alles weitgehend gestrichen. Aktivierungen, Turnen, Singen meistens gestrichen. In einer Institution sagte mir eine Stationsleiterin, während des Lockdowns hätten alle Bewohner*innen ihrer Station alle Psychopharma-Reserven gebraucht. Es dauerte oft endlos, bis minimalste Begegnungen (natürlich und richtigerweise mit Schutzkonzepten) möglich waren. Es gab Ausnahmen, im Tessin wurde rasch eine Art „Glaszimmer“ geschaffen, einzelne Heimleitungen mit Grips und Herz fanden adäquate Möglichkeiten zur Begegnung, während andere Monate brauchten, um telefonieren via Laptop einzurichten.
Bei der Frage ob Eintritt oder nicht wird gerne argumentiert, im Alters- und Pflegeheim sei *man* sei dann nicht mehr so alleine. Stimmt meistens nicht. Wer selbst Kontakt aufnehmen kann zu anderen, findet diesen vielleicht. Alle anderen und das ist die Mehrzahl, sitzt verloren und wartend da. Traurige Realität. Da ziehe ich persönlich technische/elektronische Hilfsmittel der mürrischen Anwesenheit ausgelaugter Pflegepersonen vor…
Ja, es ist mir bewusst, dass *kein Heim* ganz andere Fragestellungen aufwirft. Wer betreut? Wer bezahlt diese Betreuung? Wer leistet sie? Bisher ist es meistens so, dass auch diese Care-Arbeit von Frauen geleistet wird, fast immer ohne Lohn. Von den Frauen, die bald länger arbeiten dürfen und nach dem Willen einiger Bernköpfe im besten Falle auch noch ins Militär gehen sollten. Ok. Natürlich wollen wir Gleichberechtigung. Nur muss dann auch die Care-Arbeit gerecht verteilt werden und frau darf nicht doppelt bestraft werden: zum ersten, in dem man ihr unbezahlte Arbeit überlässt und zum zweiten durch die zwangsläufig folgenden Ausfälle bei der Altersversorgung. Eine gerechte Lösung monetär zu regeln, wird herausfordernd. Es braucht andere Modelle. Vielleicht endet ja die äusserst unheilvolle Wachstumsmanie und ermöglicht ein ganz anderes Wachstum… Hoffen ist (noch) nicht verboten.