Archiv der Kategorie: Zeitgedanken

Wechselhaft

Unbearbeitetes Bild einer Abendstimmung, wie die Schauende sie bisher ausschliesslich im Appenzellerland gesehen hat. Wobei sie an den meisten Orten dieser Welt nicht gewesen ist. So wie es aussieht, wird sich daran auch nicht so viel ändern. Wobei gerade in den vergangenen Wochen ein Unterschied bewusst wurde. Frei gewähltes Alleinsein (was nie einsam sein heisst) ist etwas ganz anderes als von aussen bestimmtes Alleinsein. Wenn frau grundsätzlich weg gehen könnte (wandern, Zug fahren, jemanden treffen…), das aber nicht dringend möchte, fühlt sich das ganz anders an als die Vorgaben der letzten langen Wochen. Wissen, dass es NICHT geht, nicht sein darf, das Gefühl einer latenten Gefahr, unschön, gelinde gesagt. Die Schreibende reiht sich nicht ein in den Chor, der neue Beschaulichkeit, Regionalität, Wahrnehmen des Nächsten oder Bescheidenheit auf die Transparente malt, ganz einfach deshalb, weil diese Eckpfeiler Teil des Hügellebens waren/sind/bleiben.

In der aktuellen Transitphase – die Zeit der tastenden Schritte – werden die Hörenden des Schweizer Radios gefragt, wie sie die Berichterstattung des Senders über die Pandemie empfunden hätten. Die Hörerin, die zu Beginn der Welle oft, mehrschichtig und fast permanent so genannte News und Zahlen verfolgt hat, hat sich mit fortschreitendem Geschehen immer selektiver verhalten. Eine Nachrichtensequenz am Morgen und eine am Vorabend. Punkt. Mehr bringt nicht mehr, auch hier nicht. Doch wenn ein Punkt in den offziellen Medien störend war, dann dieser: Kritische Fragen schienen höchst unerwünscht. Es war offensichtlich, dass Zahlen nicht einfach als feste Grössen gelesen werden dürfen, dass Statistiken in einen Zusammenhang gehören, dass „an“ und „mit“ auseinander dividiert gehören etc. etc. Weiter fehlten Hinweise von offizieller Seite, was (ausser den Distanz- und Hygieneregeln) jeder Mensch unternehmen könnte, um sein Immunsystem zu unterstützen. Es darf einfach nicht sein, dass jede kritische Frage umgehend in einen Zusammenhang zu Verschwörungstheorien gebracht wird. Wer nicht nickt, ist eine Verschwörerin. Eigenes Denken und Nachfragen unerwünscht. Das zu tun, gleicht dem Killerargument „Arbeitsplätze“, wenn von der Ethik einer Waffenproduktion gesprochen wird. Es mag abstruse Ideen geben. Doch wenn die Schreibende hinschaut und das Gebahren von politischen oder juristischen Leitfiguren anschaut, liegen die Verschwörungen eher auf einer anderen Ebene als im Gedankengut kritischer Bürgerinnen.
Und ein Schlusssatz noch zum Radioprogramm (von einer, die gute Radiosendungen sehr schätzt und bewusst auf eine Flimmerkiste verzichtet): dass zum omnipräsenten Thema Virus dann auch noch ein Übermass an Quotenmusik und die düsteren 2.Weltkriegsfolgen ausgestrahlt wurden, liessen sie auf die Kulturprogramme anderer Sender flüchten.

Trotz-dem zum Neunundzwanzigsten

Mit dem Bielefelder Huhn wünsche ich allen, die hier mitlesen, gute Osterzeit. Sie vielleicht nicht in der gewohnten Art feiern zu können, wirft Gewohnheiten und „Traditionen“ über den Haufen. Das bietet neuen Formen, anderen Gedanken – auch der Stille und Ruhe – die Möglichkeit, sich zu zeigen. Im Garten unserer persönlichen Möglichkeiten wetteifern Wunschsaat und Mitkräuter. Was soll ans Licht, was gelebt werden? Wo wurzelt, was immer wieder Unruhe, Missbehagen oder Schmerz bereitet? Zeit vielleicht, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen UND unsere Selbstwirksamkeit zu erkennen.
Nichts, was sich über Ostern erledigen lässt. Auch nicht in dreissig Tagen oder einem Jahr. Jetzt gerade bietet sich Gelegenheit, immer mal wieder Distanz zu nehmen und zu fragen, was da genau geschieht. Nicht nur hier, wo vielleicht das Wunschmehl grad mal nicht erhältlich ist.
In diesem Sinne wünsche ich Leitsterne (die Göttinnen mögen die Schreibende vor LeitBILDERN beschützen!), Wegweiser, Urkraft, Entschlossenheit und den Mut, eigen zu werden und zu sein.
Ergänzend sei dieser Text angefügt.

Trotz-dem zum Fünfundzwanzigsten

Für Uneingeweihte: das ist eine namenlose Kartoffel mit Keim. Was für ein Graus waren der Gärtnerin diese langen, ineinander verkeilten Keime der Kartoffeln im dunklen Teil des Kellers. Da sie sich als Kind nur laut singend in den Keller wagte und als Älteste dieses Los oft zugeteilt bekam, weil die Butter zu holen war (einen Kühlschrank gabs erst später), weil eben Kartoffeln, Äpfel oder ein Glas mit eingemachten Zwetschgen benötigt wurden. Aber heute ist nicht die Zeit für Kindergeschichten.
Dem Kartoffelkeim wohnt eine Hoffnung inne. Nämlich die, dass er sich – in die Erde versenkt – vervielfache und neue Erdäpfel wachsen. Hoffnung ist eine Regung, die Kraft geben kann. In Ferne und Nähe offenbart die C-Zeit Sorgen und Not. Das Daheimbleibenmüssen wird für Viele zur Qual, Ängste nehmen zu, finanzielle Probleme wohl auch und nicht alle werden so locker aus Bern abgefedert. Menschen, die bereits zuvor mehr schlecht als recht leben konnten, sind einmal mehr die grossen Verlierer. Weltweit.
Die schreibende Gärtnerin ist eine zweifelnde Optimistin. Fast immer bereit, doch noch zu hoffen. Allen gegenläufigen Erlebnissen zum Trotz. Nein, an einen wirklichen Kurswechsel glaubt sie nicht, immer bereit, das Gegenteil zu erleben (nicht nur, weil sie Nonna ist!). Vielleicht ergibt sich eine neue Optik in einzelnen Bereichen: Unabhängigkeit bei Medikamenten, Schutzmasken und anderen wichtigen Gütern. Ein höherer Eigenvorsorgungsgrad in Bezug auf Lebensmittel. Wertschätzung saisonaler, regionaler und ausbeutungsfreier Produkte. Wahrhaftige und nachhaltige Besserstellung der Pflegenden und der Care-Arbeit und damit verbunden mehr Zeit, Achtung und Respekt allen Menschen gegenüber, v.a. aber allen Schutzbedürftigen. Und noch einiges mehr … nur das noch: die Hoffnung, dass nach der Lockerung der Massnahmen nicht Nachholbedürfnis und hemmungslose Gier einziehen. Dass vielleicht etwas vom Nachdenken, Innehalten, Verzichten und einer anderen Sicht bleibt.
Hier der Schlusspunkt für heute, etwas Hoffnung, etwas Klarheit und andere Perspektiven.

Trotz-dem zum Neunten

Nahrung ist notwendig.
Nahrung für den Geist auch. Sie kann not-wendend werden.
Die Zeitfülle, über die Viele jetzt verfügen, kann unterschiedlich genutzt werden.
Gedanken dazu fanden sich im heutigen Tagesgespräch, hier der Link für eine wertvolle halbe Hörstunde:
https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/der-jesuit-und-zen-meister-niklaus-brantschen-zu-corona


Oranges Wochenende

Dank Naturkeller, wachsamem Auge und einer Agrumenaffinität ist es möglich, in einem Kleinsthaushalt über die Wintermonate gut 50 kg Orangen entweder einfach so zu essen oder weiter zu verarbeiten, damit während der orangenarmen Zeit nicht völlige Enthaltsamkeit angesagt ist. Regelmässig Lesende wissen, dass es sich dabei nicht um irgend welche „anonymen Orangen“ handelt, sondern um Früchte aus diesem Projekt. So dem Tun hingegeben, lässt sich Musik hören, von Süd- und Nordferien träumen oder die Gedanken um die kommende AR-Regierungsratswahl kreisen lassen. Nicht viel Neues in Sicht – leider! „Füllen auf fünf“ ist kaum möglich, dazu fehlt es an eigenständigen, wirklich unabhängigen Positionen und Charisma und v.a. an Vertrauen, wenn der Blick das Wirken von einzelnen Bisherigen fokussiert. Und ja, vermutlich haben diejenigen Recht, welche entgegen, dass die wirkliche „Politik“ sowieso anderswo gemacht werde. Nämlich hinter verschlossenen Türen (frau denke u.a. an das Freihandelsabkommen, die vielen Lobbyisten und erwartungsfrohe Sponsoren von Wahlkampagnen).

Tja, so also vergehen Sonntage: während die Hände werken, rumort es im Schädel – das Handwerk darf sich sehen lassen, der Wahlzettel liegt noch auf dem Tisch. Leer. Neben Orangenkonfitüre (jeweils 1 kg gemischt aus Fruchtstücken, Schale, Saft und 250 gr Zucker sowie 25 g Apfelpektin, kein Wasser – hält aus Erfahrung bestens, sauberes Arbeiten vorausgesetzt!); Orangenmeersalz (frische Zesten auf einem Backpapier mit Meersalz mischen und in ein Schraubglas füllen, sparsame Verwendung z.B. in einer Tomatensauce, bitterem Grüngemüse wie Catalogna, Cima di rapa oder Puntarelle); Orangensirup vom Feinsten (nach diesem Rezept, mit weniger Kardamom, für Desserts, Drinks, als Trinksirup um Welten besser als alle stark beworbenen Süssgetränke); Orangenzucker (Schale vom weissen Teil befreien, trocknen und mahlen, mit Zucker mischen und wo gewünscht benutzen und Orangenöl als Versuch (Schale mit wenig weissem Albedo in neutrales Ö eingelegt, falls überhaupt Aroma ins Oel übergehen wird, wäre es als Würzöl einsetzbar) und ein weiterer, letzter Versuch: Zesten (auf ein Blech ausgelegt, in den Tiefkühler gestellt und später in ein Gefriersäcklein abgefüllt, für Gebäck etc.).

So. Soviel für dieses Jahr zu Orangen. gebana bietet schliesslich noch mehr … !

Trotzallem …

im Dickicht, Chaos und all den Leiderfahrungen auch/wieder/noch Farben sehen… weil es sie gibt, wenn der Blick dafür offen bleibt und sich die Vernunft wehrt gegen Bitterkeit und Resignation, gegen allzu einfache Strickmuster und gegen blinden Hass. Rezepte dafür gibt es hier keine, jedeR ist selbst herausgefordert und in der Verantwortung – jeden Tag und in jeder Begegnung, auch in der mit sich selbst…

Viel mehr als Schuhe

Möglich, dass der Schreiberin irgendwo irgendwann ein Waldviertler-Schuh aufgefallen ist. Ebenso möglich, dass ihr Brennstoff in die Hände fiel. Klingt wie Zündstoff und ist eine Zeitschrift, in der im Editorial Worte wie „entsagen“,  „ermutigen“ oder „Herzenspflege“ stehen können. Und der Satz: „Sei kein Opfer. Folge Deiner Sehnsucht. Geh!“. Der sie sprach und schrieb heisst Heini Staudinger, seines Zeichens Herzkopf der ,Waldviertler Schuhwerkstatt, der GEA Möbelwerkstatt zig GEA-Geschäften (leider nur einem einzigen in der Schweiz und zwar in Zürich) der GEA-Akademie und leidenschaftlicher David im Widerstreit mit einer Organisation namens F.M.A. – das ist u.a. eine jener Organisationen, welche das abartige Gebaren  den Niedergang vieler Geldinstitute nicht zu verhindern wusste … doch eins nach dem andern. Besagter Heini Staudinger lässt neben Taschen, Naturmatratzen und Möbeln vor allem Schuhe herstellen. Nicht irgendwo auf der Welt wo’s grad günstig ist (und wo sich keiner einen Deut schert um das Wohl von MitarbeiterInnen, Mitwelt etc.) sondern in Österreich, im Waldviertel. Seit dreissig Jahren pflegen Staudinger und seine Schuhentwerferinnen und Schuhmacher das Schuhwerk, das ein Handwerk ist und dem fast der ganze Fachkräfte-Nachwuchs auszugehen drohte, weil andere Schuhfirmen weit weit weg billig produzieren lassen. Staudinger lässt Schuhe fertigen, die für weit mehr als eine Saison gemacht sind. Waldviertler sind eine Anschaffung die einem begleitet, über Jahre und wenn ein solches Paar Spuren der Zeit aufweist, ab damit in den Waldviertler-Reparaturservice. Es gibt  eine Grundpalette an Schuhen, was ein Paar mitteleuropäischer Füsse halt so benötigen könnte: vom halben Schuh zum Stiefel, Wandergesellen und Feinware. Die Farben wechseln, die Qualität bleibt. Weniger, dafür „besseres“ Schuhwerk.
Zurück zum Anfang: zum Krauskopf Staudinger. Frau könnte ihn nur wegen seiner Schuhphilosophie mögen. Dafür, dass er Mit-Mensch ist, auch seinen Angestellten gegenüber. Doch das wäre kurz gedacht. Staudinger unterstützt allein erziehende Mütter, fördert Sonnenenergie-Anlagen oder Projekte in Afrika. Da ist der erwähnte Brennstoff, eine Zeitschrift deren Inhalt sich immer wieder als Geist- und Herznahrung entpuppt. Hier bietet Staudinger eine Plattform, die Mut macht und auf der Klartext geschrieben wird.
Dass es Heini Staudinger gelungen ist, für Erweiterungen eine grosse Summe Geld statt von den Banken aus seinem Gönner- und Freundeskreis zu bekommen, hat ihm einen erbosten Widersacher beschert. Die oben genannte Organisation wirft ihm vor, das Bankengesetz umgangen zu haben und hat Klage eingereicht. Frau wird lesen, wie sich die Prozessgeschichte entwickelt. David hat die Sympathien auf seiner Seite.

Weiter denken

Der Garten ist eingewintert. Schützen, schneiden, umhüllen, mit Nahrung versehen und abdecken gehören dazu. Empfindliche Pflanzen dürfen ins Winterquartier, die allerempfindlichsten sind schon im Gartenhaus; Fuchsien, Geranien, Lorbeer oder Rosmarin kosten die Sonnenstrahlen so lange es nur geht. Diese Jahreszeit ist gartenbezogen nicht nur die Zeit des Rückzugs und des Schutzes sondern auch Pflanzeit für alle Frühjahrsblüher, für das Setzen von Blumenzwiebeln. Die schreibende Gärtnerin schätzt diesen Teil der herbstlichen Gartenarbeiten besonders – ist er doch sinnbildlich ein Denken in die Zukunft, eine Form von Samen legen, vorsorgen, über den jetzigen Tag hinaus denken. Dieses „über den Moment hinaus denken“ scheint an Kraft verloren zu haben, mindestens wenn der Blick von den Tulpen weg zu anders bedeutsamen Gegebenheiten schweift.
Der unmittelbare Gewinn oder Genuss, der schnelle Kick und die augenblickliche Wunscherfüllung sind angesagt. Einem Instant-Schnellkaffee gleich sollen Bedürfnisse erfüllt werden, ohne dass Folgen oder Nebeneffekte bedacht werden. Beispiele? Sie finden sich in allen Lebensbereichen, zu Hunderten. Hier drei zufällig ausgewählte: Denken wir an Kriege, wo „schnelle Gewinne, Terrainhoheit etc.“ erzielt werden, in dem Menschen getötet werden. Und die Verlierer? Das Leid? Die Generationen, die damit leben müssen? Ein anderes Beispiel: Die Erziehung von Kindern, schon an sich ein schwieriges Unterfangen. Da sind nicht Werte wie Mitgefühl, Toleranz oder Hilfsbereitschaft im Vordergrund, was bei einer Form von „weiter denken“ durchaus ratsam sein könnte, sondern Ellbögeln, rascheste Erfüllung von unsinnigen Konsumwünschen und Druck zur genormten Form, sprich zum Zeitgeist. (Der wenig auf menschenfreundlichen Werten fusst…). Das Einüben einer gewissen Frustrationstoleranz (=weiter denken) bei gleichzeitiger Grosszügigkeit im Schenken von Zeit und Liebe ist aus den verschiedensten Gründen vielfach nicht mehr möglich, rasches „Abfertigen“ scheint bequemer zu sein.
Ein letztes Beispiel: Einkaufen.  Auch wenn fairer Handel, Mitweltschutz und menschenfreundliche Arbeitsverhältnisse durchaus Themen sind, dürfen die Relationen nicht aus den Augen verloren werden. Es gibt keine Ausrede: JEDER Einkauf ist eine folgenprovozierende, verhältnisunterstützende Handlung (keine schönen Worte, ich weiss!). Wenn das T-Shirt fünf Franken kostet, kann davon ausgegangen werden, dass mieseste Arbeitsbedingungen für TextilarbeiterInnen unterstützt werden und davon gibt es trotz Kampagnen und Betroffenheit nach bekannt gewordenen Skandalen immer noch viel zu viele. Also! Wer wirklich will, kann sich informieren! Das geht vom Kopf bis zu den Schuhen! Weiter denken! (Übrigens: zu den Schuhen komme ich in einem der nächsten Beiträge. Es gibt da so einen Typ, den ich vorstellen möchte!). Allseits verträglicher einkaufen ist meist nicht sehr viel teurer und teuer nicht immer verträglich! Die Kopfcheckliste gehört beim Einkauf dazu: woher kommt das Produkt? Unter welchen Bedingungen wurde es hergestellt? Welche Bedingungen oder Wertehaltungen unterstütze ich beim Kauf dieses Produktes? Und: benötige ich das wirklich? Das Netz und entsprechende Organisationen bieten Entscheidungshilfen. Die schreibende Käuferin ist auch ein Mensch und weiss, dass nicht nur die Vernunft unsere Handlungen leiten… Wenn jedoch ein gewisses Mass an bewusstem Handeln da ist – oder anders gesagt, eine gewisse Impulskontrolle installiert ist, werden zu schnelle Entscheide abgebremst oder geschehen seltener. Weil eben nicht dem ersten Impuls, dem Greifen nach allen möglichen Reizen gefolgt wird, sondern weil abgewogen werden kann, was mehr oder eben weniger Sinn macht. Dann nämlich ist die Freude meist tiefer und anhaltender, weil sie über den Augenblick hinaus geht, Mitmenschen und weitergehende Folgen ins Denken miteinbezieht.

Appenzell Ausserrhoden und das Alter: (M)ein Leserinnenbrief

Ausgangspunkt meines Leserinnenbriefes in der Appenzeller Zeitung vom 8.10.14 waren zwei Beiträge in eben dieser Zeitung. Am 1.10.14 vermisste der Geschäftsleiter der Pro Senectute AR ein Altersleitbild AR und am Tag darauf erschien die (leicht erstaunte) Reaktion des Amtsleiters für Soziale Einrichtungen.

Ein Altersleitbild für AR –
weit mehr als Pflegeheimplanung!
Ein Altersleitbild für den Kanton AR müsste weit mehr sein als eine Pflegeheimplanung – zumal Zweifel erlaubt sind, ob heute gut Sechzigjährige sich dereinst in solche oft starre Einrichtungen begeben wollen. Neben den „fitten Jungpensionierten“ welche inner- und ausserfamiliär freiwillige Arbeit leisten und/oder diverse Angebote nutzen, gibt es ältere Menschen, für deren Bedürfnisse im Kanton Appenzell Ausserrhoden keine adäquaten Angebote bestehen. So fehlen Tagesstätten, in denen ältere, daheim lebende Menschen einen Tag oder mehrere verbringen können, damit die pflegenden Angehörigen Entlastung erhalten. Ältere Menschen, welche nach einem Spitalaufenthalt oder bei einer chronischen Erkrankung eine Geriatrische Tagesklinik besuchen möchten, um mittels diverser Therapien den Verbleib zuhause möglich zu machen, finden im Kanton AR kein Angebot und sind angehalten, in einen Nachbarkanton zu reisen und einen grossen Teil der Kosten selber zu tragen.

Die Gruppe der Menschen mit Demenzerkrankungen nimmt zu. V.a. für jüngere Menschen mit einer Demenzdiagnose fehlen nicht nur in unserem Kanton niederschwellige, auch „institutionsferne“  Angebote, welche ihnen möglichst lange die soziale, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und sie und ihre Angehörigen begleiten und beraten. Hier stellt sich zudem die Frage, wie Ausserrhoden die Nationale Demenzstrategie 2014-2017 des Bundes umzusetzen gedenkt.

Wie weit sich die Kapazitäten der gesunden Jungpensionierten mit Bedürfnissen von erkrankten älteren Menschen in eine hilfreiche Verbindung bringen lassen, könnte ein so genanntes Leitbild aufzeigen. Älter werden und konfrontiert sein mit vielfältigen Verlusterfahrungen zeichnet oft ein Leidbild. Es ist möglich geworden, sehr alt zu werden – haben wir Antworten auf diese auch geistig-seelischen Anforderungen? Wie bitter muss es sich anfühlen, alt geworden zu sein und nun das Gefühl haben zu müssen, „zu teuer“ oder „unrentabel“ zu sein oder gar keine Daseinsberechtigung mehr zu haben. Die gesamtgesellschaftliche Arbeit, die für den Umgang mit dieser neuen Altersrealität notwendig ist, sprengt vermutlich den Leitbildrahmen. Trotzdem soll sie angesprochen werden, auch weil über dieses Dasein hinausreichende „Troststützen“ für viele Menschen die Bedeutung verloren haben – oft nicht folgenlos.

Ein letzter Gedanke: die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich gerade im Altersbereich immer mehr. Die Finanzierbarkeit der Angebote, die gerechte Verteilung der vorhandenen Mittel auch zwischen den Generationen und die Frage, wie viel Geld für die Bedürfnisse älterer Menschen bereit gestellt werden soll oder kann, wird uns beschäftigen. Die Vermutung liegt nahe, dass hier kreative Lösungen vonnöten sind und dass „das Denken ab und zu die Richtung wechseln muss“.

Der Wolf oder das Böse kommt von Aussen

Es ist zum Augen reiben: der Wolf (merke: ein italienischer! – als ob für Tiere Landeszugehörigkeiten eine Relevanz hätten) ist im Appenzeller Vorderland eingetroffen. Und nicht anders als im Wallis, im Berner Oberland oder sonstwo, wird reflexartig sein Abschuss verlangt. Lassen wir mal die grundsätzliche Frage, ob es Menschen überhaupt zusteht, aus irgend einem Grund Tiere umzubringen. Rund um den Wolf scheinen vernünftige Überlegungen, kritisches Hinschauen und tatsächliche Relevanz des Schadens für Viele ein Tabu zu sein. Gänzlich unerwähnt wird zum Beispiel, dass in der Schweiz im freien Weidegang gegen 10’000 Schafe jährlich durch Verletzungen, Fehlgeburten, Absturz, Blitz- und Steinschlag, Stacheldraht, wildernde Hunde etc. ihr Leben verlieren. Doch worüber berichten die Medien? Der böse Wolf… nichts zu lesen darüber, dass sich Wildtiere (Gämsen, Steinböcke) vermutlich bei Schafen mit Krankheiten anstecken, dass Tiere oft nicht behirtet werden, der Bund im Jahre 2013 1,5 MioF ranken für Herdenschutzmassnahmen ausgegeben hat (2014 werden es 2 Mio. sein und 2015 voraussichtlich drei Millionen, Quelle: Bundesamt für Umwelt) und dass in den meisten Nachbarländern ein fortschrittlicherer Umgang bezüglich Herden- UND Grossraubtierschutz besteht. Dieser beinhaltet staatliche Vergütungen bei Rissen, vorausgesetzt, dass geschützte Herden betroffen sind. Herdenschutz erfolgt durch Zäune, Hirten und Hunde. Öffentlichkeitsarbeit und Forschung gehören ebenso dazu, Abschüsse erfolgen nur in ganz wenigen Ausnahmefällen. Es ist zu hoffen, dass die involvierten Amtsleute Ruhe bewahren und ihre in der Wolfsdebatte bereits bewanderten BerufskollegInnen in- und ausserhalb des Landes zu Rate ziehen.