Archiv der Kategorie: Begegnung

Kopfreise

Bedrückend und schön, fast tägliche Realität: Ungeahnte Welten entdecken (Musik, meistens; Bücher, Bilder, Künstler; Seelenverwandte, zu selten, leider…), zufallend, weil die Schreiberin vor dem Gang ins Stadtbüro ins nahe Café geht, die Kulturseiten samt Espresso geniesst und irgendwo, ganz klein, findet sich ein Hinweis, sie liest ihn, „In My Solitude“ – solitudine – es gibt Worte, die haben eine ganz eigene Magie, Melancholie wäre so oder mäandern oder Meerhaut oder … der Hinweis auf ein Konzert mit Branford Marsalis, notiert, gehört, fortgetragen – noch einmal ein Mintdrink im Ritablue – und DIESE Musik… in Barcelona…

 

Unterwegs in Sizilien, Teil 5: Dies und jenes …

Für die „Laienaugen“ einer Reisenden muten die Gesteinsschichten in der Gola Alcantara, unweit von Taormina (Sizilien) sehr eigen an. Wie kommt es, dass diese Schichten den Eindruck machen, als seien sie geformt und dann übereinander gestapelt worden? Wer es wissen will, findet hier  Informationen über basisches Ergussgestein oder eben Basalt. Wer sich vertieft, findet Erläuterungen zum so genannten Basaltstreit, in dem über unterschiedliche Ansichten bezüglich Entstehung eben dieser Gesteine gestritten wurde. Die Reisenden indess stritten nicht, verschmähten den acht-Euro-Lift in die Schlucht hinunter und suchten den zweihundert Meter entfernt gelegenen, etwas versteckten Einheimischen-Eingang und stiegen zu Fuss ab. Der Abstieg lohnt sich des Basalts wegen und bei besseren Wetterverhältnissen und einer gewissen Wasser-Affinität wäre es möglich, etwas weiter in die Schlucht hineinzugehen. Die Badende, welche lieber nicht nass wird, äugte, ob sich allenfalls ein Eisvogel zeigen würde, die aber hielten sich bedeckt. Die ganze Anlage scheint in touristenintensiveren Zeiten stark frequentiert zu werden, auf die nebenzeitlich Reisenden machte sie einer eher abgetackelten Eindruck. Also: hingehen, falls mann oder frau sowieso in der Nähe ist; hingehen, wenn Steine, Geologie etc. interessieren.

Taormina und das noch höher gelegene Castelmola bieten bei schönem Wetter eine wunderbare Aussicht. Beide Orte sind vermutlich eine beliebte Destination für die Kaffee-und Kuchen-Fraktion, zwischendurch locken Schmuck- und Souvernirläden und die engen Gassen bzw. deren Anwohner werden unter der Autoinvasion ächzen. Drum: den Wagen in der grossen Parkgarage lassen und mit dem Lift hochfahren. Die Reisenden haben sich a piedi nach Castelmola hochgeschwitzt, einer Erinnerung wegen, an der dann der Lack blätterte.

Noch mehr Zeit vorausgesetzt, wäre der eine und andere Sizilien-Gedanke auszuführen bzw. weiterzuspinnen. Zum Beispiel die Frage, weshalb „Kommunikation“ – das Gespräch von Mensch zu Mensch – in diesen Kulturräumen leichter, schneller und unkomplizierter möglich ist. Ist es der Raum, die Sprache, die entspannte Ferienzeit, das eigene Anderssein in der leicht vertrauten Fremde, eine Wechselwirkung – wie dem auch sei…  Immer wieder fand sich die Schreibende in Gespräche verwickelt, es wurde nachgefragt, woher frau komme, weshalb sie hier sei, welche Eindrücke sie gewonnen habe. Und dies im Tabakladen (keine Angst, erstanden wurden dort „nur“ Briefmarken…), beim Gemüsehändler oder einfach so auf der Strasse. Manchmal wurde es auch bedrückend – dann wenn junge Männer von ihren eher hilflosen Versuchen, die deutsche Sprache zu erlernen berichteten und von der Hoffnung, dannzumal irgendwo in Deutschland oder der Schweiz Arbeit zu finden. In vielen Köpfen scheint ein romantisiertes Bild zu herrschen von den Verhältnissen in den nördlicheren Ländern und wissend um den Stachel im Leben von Migranten wäre den jungen Menschen viel mehr zu wünschen, ihre Politiker würden sich auf ihre wirklichen Aufgaben besinnen statt darauf, eigene Pfründe zu sichern. Dass die Hamsterräder gnadenlos zuschnappen und dass „fremd und immer unterwegs sein“ bitterer ist als vieles Andere, lässt sich in einem Viertelstunden-Gespräch auf der Strasse nicht ausführen. Die traurigen Schicksale älterer Einwanderer, die nach ihrer Pensionierung keine Heimat und keine Wurzeln mehr haben, weil sie nie wirklich hier angekommen sind und in ihrer Urheimat eben diese nicht mehr finden, berühren und stimmen nachdenklich… Mehrfach beschenkt, dankbar und um viele Eindrücke reicher sind die Südreisenden zurück – alla prossima, ci vediamo… spero…

Unterwegs in Sizilien, Teil 4: Höhlengräber Pantalica

Rein zufällig wird niemand hier vorbeikommen. Eine längere Fahrt durch einen urtümlichen, landwirtschaftlich genutzten und äusserst ansprechenden Teil Siziliens vorausgesetzt, finden sich Reisende wenigstens im frühen Frühling fast alleine in einer atemberaubenden, eindrücklichen und sehr stillen Landschaft, bzw. Schlucht. Die Nekropole (UNESCO Weltkulturerbe)  liegt etwa 35 km von Siracusa entfernt (Landstrasse), zwischen den Orten Ferla und Sortino. Von der zu den Gräbern gehörenden Siedlung ist hier ausser dem ausgegrabenen Königspalast der Sikuler nichts gefunden worden. Im Archäologischen Museum von Siracusa sollen diverse Grabbeigaben zu sehen sein. Die Gründe, weshalb zwischen dem 13. und 8. Jh.v.Chr. rund 5000 (!) Gräber in die Felsen gehauen wurden, mit welchen Werkzeugen damals gearbeitet wurde und v.a. weshalb diese Art Totenkult betrieben wurde, ist unklar (den einschlägig Gelehrten vermutlich nicht, es war bloss noch keiner auffindbar….). In solchen Momenten, an solchen Orten und dies mehrmals auf dieser Reise wünscht die reisende Schreiberin eine Zeitmaschine, um sich in die damalige Zeit und die entsprechenden Verhältnisse zurück versetzen zu lassen.
Da stehend und den Blick durch die Anapo-Schlucht (nach dem gleichnamigen Fluss)  und über Hunderte von Höhlengrab-Löchern gleiten zu lassen, lässt einem kieferoffen und erstaunt schauen; ungläubig und irgendwie zur Bakterie schrumpfend und mit vielen Fragen beladen staunen. Mehrstöckige Grabhöhlen – wie kamen die Toten dorthin, wurden die Gräber „auf Vorrat“ gehauen, was geschah auf dem Weg von der Siedlung bis zum Grab… ?? Die Grabkammern waren mit Steinplatten geschlossen, die toten Körper wären wohl leichte Beute für hungrige Tiere gewesen. Es ist möglich, einzelne Grabhöhlen aus der Nähe zu besichtigen. In späterer Zeit sollen verfolgte Christen in den Höhlen Unterschlupf gefunden haben, an einem Hang konnten die Sizilienfahrer eine Kapelle innerhalb einer Art Siedlung ausmachen. Die Anapo-Schlucht ist heute Naturschutzgebiet und kann durchwandert werden. Jeglicher motorisierter Verkehr ist verboten und von der einstigen Zugslinie zeugt nur mehr ein fast überwachsenes Geleise. Obwohl diese Zugslinie in nicht so ferner Zeit eine Verbindung ermöglicht hat und diese Gegend bewohnt(er) gewesen sein muss, zeigt auch sie die Konstante der Veränderung, bzw. die Tatsache, dass nichts ewig bleibt.

Unterwegs in Sizilien, Teil 3: Markt in Catania, ohne Worte

Unterwegs in Siziliens Osten, Teil 2: Rund um den Etna

Eisenbahn- und Landschaftsliebhaber (auch Liebhaberinnen…) sollten sich eine Fahrt mit der Schmalspurbahn Circumetnea nicht entgehen lassen. Sie ermöglicht, fast um den ganzen Etna herum zu fahren und dies in einem Zug, dessen Sitzgelegenheiten an Zeiten erinnern, in denen es in den Schweizer Zügen drei Klassen gab. Die Zugs“komposition“ scheint einem alten Film entlehnt zu sein, beförderte die Reisenden sehr pünktlich und ohne irgend welche Schwierigkeiten. Wer sich die Zeit nimmt, wird mit eindrücklichen Landschaftsbildern verwöhnt. Orangen- und Zitronenhaine unmittelbar vor den Fenstern, ab einer gewissen Höhe dominieren Oliven, Reben und Mandeln und im Grossraum um Bronte wachsen die Pistazienbäume, welche nur alle zwei Jahre Früchte tragen. Bizarr, geologisch interessant und etwas unheimlich sind die Hänge und Felder voller erstarrter Lavaströme. Entweder noch „frisch“ und unbedeckt oder schon wieder von Pionierpflanzen bedeckt. Die vulkanische Erde ist fruchtbar – das Leben an diesen Orten mit dem unberechenbaren Spucker im Nacken gewiss gewöhnungsbedürftig bzw. nicht für jeden Mann oder jede Frau. Auf der Zugsfahrt ist der Vulkan  bei gutem Wetter immer mal wieder zu sehen, näher oder weiter weg, hüllt sich aber oft innert kürzester Zeit in Wolken oder Rauch.  Die Tatsache, dass der „heisse Berg“ schneebedeckt war, dass einem der Schlunde stets Rauch entwich, dass gleichzeitig Agrumen und weiter meerwärts Fave geerntet wurden und Himmel und Meer in Blautönen erschienen, war ein kraftvolles-archaisches Schauspiel. Unmöglich, diesmal hinauf auf den Vulkan zu kommen – die Erinnerung an die Kraterlandschaften, den Schwefelgeruch und die unterweltliche, unheimliche Stimmung aufzufrischen. Ein andermal…! Die Fahrt ganz um den Etna dauert fast einen ganzen Tag, es ist gut möglich, nur Teilstrecken zurückzulegen. Die Reisenden hatten bei anderer Gelegenheit bereits eine ganze Umrundung gemacht und beschränkten sich diesmal auf das Teilstück Giarre-Randazzo.
Folgende Anmerkungen für Reisende: Die Züge verkehren wirklich, zu bestimmten Zeiten nutzen viele Schüler diese Fahrgelegenheiten. Den Fahrplan genau studieren oder bei einem Schalterbeamten nachfragen. Die Strecke kann nicht in einem „Zug“ abgefahren werden, Umsteigen erforderlich. Zwischen Catania und Giarre „normale“ Eisenbahn. Fahrkarten können im Zug gelöst werden. Dort gibt es (natürlich) keine Verpflegungsmöglichkeiten, wer länger unterwegs ist, tut gut daran, Proviant mitzunehmen. Nicht nachvollziehbar und äusserst ärgerlich ist, dass es (immer noch!) Orte gibt, an denen eine geordnete Abfallentsorgung nicht gewährleistet ist. Über die Gründe für diesen Missstand kann spekuliert werden – er ist unverzeihlich und bitterschade für die kulturell reiche und landschaftlich beeindruckende Insel.
Reizvolle Bilder, quasi eine virtuelle Reise findet sich hier.

Unterwegs in Siziliens Osten, Teil 1: Siracusa und Umgebung

Siracusa soll einst eine der mächstigsten Städte der Welt gewesen sein: der historische Stadtkern befindet sich auf der kleinen Insel Ortigia, welche durch Brücken mit den später gebauten Stadtteilen verbunden ist. Das winzige Inselstädtchen, deren Bauten aus hellem Kalkstein erstellt worden sind, erinnert an griechische oder nordafrikanische Orte, mindestens dann, wenn Meer und Sonne das ihre dazu tun. Die griechische Göttin Artemis soll auf Ortiga gelebt haben, genau so wie der Tyrann Dionysios, an den „das Ohr des Dionysios“ etwas ausserhalb der Stadt erinnert. Mitte des achten Jahrhunderts v. Chr. haben Griechen die Insel besetzt, der ansässige Stamm der Sikuler soll ins Landesinnere vertrieben worden sein.
Blüte und Zerfall einst schöner und reicher Städte sind ein nicht nur Siracusa auferlegtes Schicksal. Interventionen der staatlichen Instanzen scheinen den Rückgang der Wohnbevölkerung und die kriminellen Energien etwas eingedämmt zu haben. Ortigia ist inzwischen ein vielbesuchter Ort und es ist erfreulich, dass die „Altstadt“ auch verkehrsberuhigt wurde. Die riesigen Parkplätze beim Eingang deuten darauf hin, dass der Ort an schönen (wärmeren) Tagen sehr viele BesucherInnen anzieht. Der Dom, um Säulen eines griechischen Tempels herum gebaut, ist sicher ein lohnendes Ziel, ebenso ein Spaziergang durch die vielen Gassen, dem Meer entlang und zwischen barocker Baukunst blitzt sogar dann und wann ein moderner Einschub auf.
Nach einer Pause in einem der vielen Cafés oder wie im Falle der Reisenden im MOON lohnt sich die Fahrt zu der ausserhalb der Stadt gelegenen Ausgrabungsstätte. Amphitheater gibt es einige, dieses hier ist eingebettet in ein grösseres Ausgabungsgelände, in dem u.a. das berüchtigte Ohr des Dionysios steht. Es lohnt sich, genügend Zeit mitzubringen und früh am Nachmittag dort zu sein – im Falle der schlendernden Reisenden wurde es mal wieder spät und um 17 Uhr rasselte bereits der Schlüsselbund der Altertumswächter. Nach dem Besuch der archäologischen Seite mussten die Neugierigen einfach noch sehen, was es mit dem eigenartigen Gebäude (grosses Beitragsbild Mitte) auf sich hat. So ein hässliches unansehliches Gebäude! Eine Kirche, deren Name bezeichnenderweise dem Speicher entfallen ist… – bei aller Offenheit für Ungewöhnliches blieb die Frage, wer Derartiges will, entwirft, baut, bezahlt und aushält. Nicht mal eine gute Akustik…
Das Mietauto, das auf einem öffentlichen Parkplatz von vier! Männern bewacht werden wollte (also die Männer wollten das…) stand unversehrt da, obwohl vermutlich in jedem Reiseführer etwa das Gegenteil steht. Dass die Vier ein Trinkgeld (für einmal passt das Wort haargenau) wollten, war bereits am Morgen klar. Diese und andere Formen des Gelderwerbs auf der Strasse bleiben nicht verborgen und zeigen die „der Blüte“ abgewandte Seiten. Dazu und v.a. dem eigenen Verhalten diesen Situationen gegenüber soll sich jedeR Reisende die eigene Strategie zurecht legen, genau so, wie er oder sie das in ähnlichen Fällen hierzulande handhaben will.

Südmusik

Die schreibende Hörerin freuts: Ins (wenig geliebte) Weiss blickend ist da plötzlich eine Stimme, Musik und vor allem eine Sprache, von der lediglich ein paar wenige Worte zu verstehen sind. Wer ist das?? Gut, dass heutige Radiogeräte auf ihrem Display anzeigen, was gespielt wird. Ein bis dato unbekannter Name, dem Netz sei Dank wird klar, dass Davide van de Sfroos aus Como stammt und den Dialekt jener Gegend spricht bzw. singt. Musik die Freude macht, Südziehen und deren ungewohnter Sprachklang „ankommt“…

http://youtu.be/cMaBDe1TlwY

 

Neuland – eine Filmbegegnung

Eineinhalb Kinostunden in denen ich beeindruckt, gebannt und bewegt den Bildern der Regisseurin Anna Thommen folge: in ihrem vielfach ausgezeichneten Dokfilm „Neuland“ zeigt sie eine Basler Integrationsklasse, in der ein engagierter, boden-ständiger und warmherziger Lehrer mit enorm grossem Einsatz versucht, seinen SchülerInnen (junge Menschen zwischen 17 und etwa 20 Jahren) die deutsche Sprache und unsere „Gebräuche“ nahe zu bringen. Die jungen Menschen stammen beispielsweise aus Afghanistan, Eritrea oder der Türkei. Sie tragen persönliche Schicksale und die Auswirkungen politischer Ereignisse mit; müssen sich neben der neuen, nicht einfach zu erlernenden Sprache, der Mühsal des sich bewerben müssens und ihrem je individuellen „Weh“ auch mit schwierigen Wohnsituationen, Nebenarbeiten und dem völligen Fehlen eines präsenten familiären Netzes auseinander setzen.
Der Lehrer scheint auch nach zwei Jahrzehnten Arbeit in diesem Umfeld zuversichtlich und optimistisch geblieben zu sein. Er ist seinen SchülerInnen gegenüber offen, will gewisse Regeln eingehalten haben und setzt sich vermutlich weit über das übliche Mass dafür ein, dass seine „Schützlinge“ im Arbeitsleben Fuss fassen können. Mich haben neben den Bildern, den Schicksalen und dem Engagement des Lehrers die Hürden beeindruckt, welche sich den jungen Menschen mit mangelhaften Sprachkenntnissen entgegen stellen. Hier geborene Jugendliche sehen sich einer Berufswelt gegenüber, die viel fordert und Menschen mit noch zu entwickelnden Kompetenzen rasch aussondert – um wieviel schwieriger wird es da für Menschen, die bereits bei einem Telefonat zwecks einer Schnupperwoche ihren Namen dreimal nennen müssen und (noch) nicht perfekt imstande sind, auszudrücken, was sie möchten. Gerade diese Bilder schmerzen – weil frau mitgeht mit den Hoffnungen, den Wünschen und miterlebt, wie solche platzen – was auch Schweizer Jugendlichen geschieht – doch hier mutet es an wie ein Schlag in die Magengrube. Der Film ist eine wunderbare, nahe, fast zärtliche Hommage an Menschen, Gesichter und Geschichten. Absolut empfehlenswert!